Uptime, TIA und BICSI: Wer verantwortet die Design-Standards im Data Center?

Uptime Institute, TIA-942 und BICSI 002-2010 sind die großen Design-Standards bei der Konstruktion eines Data Centers. Was steckt dahinter?

Designen Sie ein neues Data Center oder liebäugeln mit einem Upgrade eines existierenden, dann ist das Uptime Institute...

und dessen Tier-Berwertungs-System eine wichtige Anlaufstelle. Es wurde von Ken Brill Anfang der 1990er ins Leben gerufen und offiziell im Jahre 1995 vorgestellt. Auch wenn sich nicht alle offiziell daran halten sind Referenzen auf die Spezifikationen Tier 2, 3 oder 4 dennoch üblich. Das gilt vor allen Dingen auch dann, wenn man an Design und Konstruktion des Data Centers ein gewisses Niveau in Bezug auf die Verfügbarkeit oder System-Redundanz einhalten möchte.

Im Jahre 2005 hat aber auch die Telecommunications Industry Association (TIA) in Gemeinschaftsarbeit mit dem American National Standards Institute (ANSI) den „TIA-942 Data Center Standard“ geschaffen. Dieser wurde überarbeitet und im März 2010 als TIA-942-2 veröffentlicht. Im Juni 2010 hat schließlich das Building Industry Consulting Service International (BICSI) seinen Standard „002-2010: Data Center Design and Implementation Best Practices“ ausgegeben.

Wenn Sie also ein neues Data Center designen oder ein großes Upgrade eines existierenden planen, auf welche Weise sollten Sie sich an die verschiedenen Referenzstandards halten und welche sollten Sie verwenden? Wie unterscheiden sich diese Standards und die dahinter stehenden Organisationen voneinander?

Das Uptime Institute und sein Tier-Standard

Der „Tier Standard of Availability“ des Uptime Institute ist mehr eine Ziel-orientierte Herangehensweise, wie das Data Center designend und konstruiert werden soll, und weniger eine strikte technische Spezifikation. Das erklärte einst Julian Kudritzki, Vize-Präsident des Uptime Institute.

Der Standard TIA 942 bringt ebenfalls Tier-Ebenen (1-4) mit sich. Laut Kudritzki unterscheiden sich die Tiers des Uptime Institute durch ihre Flexibilität. Man stellt also keine so spezifischen Anforderungen, wie man sie in den TIA-Standards findet.

Das UptimeInstitute hat vor kurzer Zeit seine Standards aktualisiert. Darin wurden die eigenen Operational Sustainability Standards und drei zusätzliche Bewertungen eingeführt. Diese sind als Gold, Silber und Bronze definiert und mit den Tier-1-4-Bewertungen verflochten. Mit den Stati Gold, Silber und Bronze wird festgelegt, wie erfolgreich sich der Betrieb eines Data Centers an entsprechenden Praktiken hält.

Es gibt aber ein wichtiges Hindernis für den Standard des Uptime Insitute. Möchte eine Firma ein offizielles Uptime-Prädikat haben, muss sich das Unternehmen einer professionellen Bewertung von Uptime stellen, damit diese die Pläne absegnen kann. Es kann aber auch ein Uptime-Consultant zu Rate gezogen werden, damit sich dieser vor Ort ein Bild macht und das Uptime-Prädikat vergibt. Deswegen ist es auch nicht verwunderlich, dass die Übersicht des Uptime Institue für zertifizierte Anlagen weltweit nicht besonders viele Data Center aufweist. Möglicherweise verwenden wegen dieser vor allem finanziellen Hürde viele Data-Center-Betreiber den Standard TIA-942. Somit muss man das Uptime Institute nicht involvieren, damit es die Projekte bewertet.

TIA-942 und BICSI 002-2010

Im Gegensatz zur Konzept-basierten Herangehensweise des Uptime Institute ist die Revision TIA-942-2 hinsichtlich der Tier-Bewertungen sehr spezifisch und detailliert. Das gilt auch für die Anforderungen, um die entsprechenden Niveaus an Redundanz und Verfügbarkeit zu erreichen. TIA-942-2 hat mit 180 Seiten 40 mehr als das Original.

Keiner dieser drei Standards ist dabei frei von Abhängigkeiten gegenüber anderen Organisationen. Auf die eine oder andere Art referenzieren Sie alle  auf staatliche Richtwerte, lokale Vorschriften und nachfolgende Organisationen:

  • ASHRAE: American Society of Heating, Refrigerating and Air-Conditioning Engineers
  • IEC: International Electrotechnical Commission
  • IEEE: Institute of Electrical and Electronics Engineers
  • ISO: International Organization for Standardization
  • NEC: National Electrical Code
  • NFPA: National Fire Protection Association
  • UL: Underwriters Laboratories

Eine sehr angenehme Eigenschaft von TIA-924-2 ist, dass es ganz klar die Änderungen hinsichtlich des 942-Standards im Original herausstellt. Somit muss man die aktualisierte Version nicht immer mit dem Original vergleichen.

Neben den Kabelverbindungen sind auch andere wichtige Details des TIA-Tier-Standards definiert. Dazu gehören physische Konstruktion, elektrischer Strom, Klimatisierung, Security-Monitoring, Redundanz, Wartbarkeit und Inbetriebnahme.

Die BICSI hat ihre Anfänge im Jahre 1974 als Industrievereinigung, um die Belange von Telekommunikations-Consultants zu adressieren. Wie bei der TIA lag der Fokus ursprünglich auf Design und Installation von Kabel-Werken. Das Standard-Buch der BICSI ist 223 Seiten stark und wurde im Juni 2010 veröffentlicht. Es ist eine Ansammlung an Best Practices und Empfehlungen, sowie Referenzen zu Standards externer Organisationen. Dazu gehört die American Society of Heating, Refrigerating and Air-Conditioning Engineer (ASHRAE)s. BICSI 002-2010 ist allerdings sehr mit dem Standard TIA-942 verflochten. Die ursprüngliche Fassung des Data-Center-Standards BICSI 002-2010 ist immer noch nicht vollständig. An den Sektionen für elektrische Systeme und Telekommunikation arbeitet man noch.

Mit über 200 Seiten bestehend aus technischen Details ist man wesentlich spezifischer als die Leitfäden von Uptime. Es gibt außerdem Ähnlichkeiten zu TIA-942. Anders als die Standards von Uptime und TIA verwendet der BICSI-Standard kein abgestuftes Bewertungssystem. Allerdings beinhaltet der Entwurf D006 für elektrische Systeme im Data Center eine Definition von sechs Klassen für die Verfügbarkeit: F0-F5. F1 bis F5 sehen dabei wie ein Tier-System aus. Die Klasse F0 beschreibt, dass es gar keinen Schutz für die IT-Infrastruktur vor einem Ausfall gibt. Bei F0 gibt es keine unterbrechungsfreie Stromversorgung und auch keine angemessene Erdung für das IT-Equipment. Jeff Silveira von BICSI erklärt, dass F0 lediglich vorhanden ist, um damit Server- oder Netzwerk-Schränke abzudecken.

Jeff Silveira ist Standards-Chef bei BICSI. Laut ihm bezieht der BICSI-Standard Informationen aus verschiedenen Wissenszweigen: „Unsere Arbeit vervollständigt, was in einigen Dokumenten und Standards beschrieben ist. Es ist nicht notwendig, dass wir den Architekten, Technikern und Elektrikern vorschreiben, wie Sie Ihre Arbeit zu verrichten haben.“

Jonathan Jew ist ein Repräsentant von TIA. Er sagt, dass der BICSI-Standard als Best-Practices-Ergänzung zu sehen ist, unabhängig davon, welchem Telekommunikations-Standard eine Anlage folgt. „BICSI 002 stellt Best Practices in diversen Bereichen zur Verfügung. Allerdings setzt es voraus, dass der Designer einen bestehenden Telekommunikations-Standard für Data Center verwendet. Möglich sind zum Beispiel TIA-942, CENELEC EN 50174-2 oder ISO/IEC 24764.“

Die Tiefe und Breite der TIA- und BICSI-Standards variieren zwar von Bereich zu Bereich, stimmen aber doch zum Großteil überein. Eine Ausnahme bildet der EPO-Knopf (Emergency Power-Off, Notausschalter).

Der EPO-Knopf oder Notausschalter

Die Frage, ob man einen EPO-Knopf oder einen Notausschalter haben soll, bereitet vielen Data-Center-Designern und -Betreibern Kopfzerbrechen. Laut Uptime ist er nicht notwendig, solange lokale Vorschriften das nicht zwingend erforderlich machen. Weiterhin ist der Notausschalter nicht selten an so mancher Downtime schuld. Daher stimmt hier auch die TIA zu, in TIA-942-2 ist zu lesen: „Installieren Sie keinen Notausschalter, wenn Sie rechtlich nicht dazu gezwungen sind.“

BICSI stellt die Risiken eines EPO-Schalters dar. Dennoch empfiehlt der Standard: „Wenn es nicht gesetzlich vorgeschrieben ist, muss der Besitzer eine Balance zwischen der Notwendigkeit von Business Continuity und Personen- und Gebäude-Sicherheit finden.“ BICSI rät denen, die einen Notausschalter installieren möchten, einen einstufigen EPO-Knopf für die Klassen F0 und F1 und einen dreistufigen für die Klassen F2 bis F5.

Energieeffizienz im Data Center

Der Fokus aller Standards liegt auf Zuverlässigkeit und Verfügbarkeit. Spricht man über moderne Data Center, gehört allerdings auch die Diskussion um die Energieeffizienz dazu. The Green Grid ist seit der Einführung im Jahre 2008 weitgehend anerkannt. Es handelt sich dabei zwar nicht um eine Organisation für Standards, allerdings wurden die dort entwickelten Metriken PUE (Power Usage Effectiveness) und DCIE (Data Center Infrastructure Efficiency) von der U.S. Environmental Protection Agency sowie von vielen anderen Ländern und Organisationen rund um den Erdball angenommen. Das Uptime Institue, die TIA-Standards und die BICSI Best Practices adressieren Energie-Effizienz in Bezug auf das Data Center nicht direkt als eine Tier-Anforderung. Das liegt daran, da es sich nicht als spezifischer Parameter definieren lässt. Indirekt weist man allerdings darauf hin, dass Energie-Effizienz ein erstrebenswertes Ziel für ein Data Center ist.

Fazit: Das Uptime Institute verliert an Bedeutung

Das Uptime Institute ist sicherlich am sichtbarsten, weil es auch als Erfinder des Tier-System-Standards gilt. Allerdings ist das Uptime-Tier-System gleichzeitig auch Schuld daran, dass nicht so viele Zertifizierungen durchgeführt werden. Grund sind die Consultant-Anforderungen und die hohen Kosten. Daher hat dieser Standard auch gegenüber dem einfach verfügbaren und klar definiertem TIA-942 an Boden verloren. Diesen gibt es nun seit fünf Jahren und er wurde kürzlich aktualisiert, um die Ansprüche moderner Data Center zu adressieren. BICSI dagegen bringt viele Mitglieder mit sich und dieser Standard hat möglicherweise positiven Einfluss auf das Design kleinerer Data Center und Server-Räume. Mit jeder Iteration eines Organisations-Standards steigt der Bekanntheitsgrad. Dieser Umstand führt hoffentlich dazu, dass es in Zukunft auch Verbesserungen bei Data-Center-Design und -Konstruktion gibt.

Über den Autor:

Julius Neudorfer war CTO und Gründungsmitglied der NAAT im Jahr 1987. Er hat Kommunikations- und Daten-System-Projekte sowohl für kommerzielle Kunden als auch für Behörden designend und gemanagt.

Folgen Sie SearchDataCenter.de auch auf Facebook, Twitter und Google+!

Artikel wurde zuletzt im September 2012 aktualisiert

Pro+

Premium-Inhalte

Weitere Pro+ Premium-Inhalte und andere Mitglieder-Angebote, finden Sie hier.

Diskussion starten

Schicken Sie mir eine Nachricht bei Kommentaren anderer Mitglieder.

Mit dem Absenden dieser Daten erklären Sie sich bereit, E-Mails von TechTarget und seinen Partnern zu erhalten. Wenn Ihr Wohnsitz außerhalb der Vereinigten Staaten ist, geben Sie uns hiermit Ihre Erlaubnis, Ihre persönlichen Daten zu übertragen und in den Vereinigten Staaten zu verarbeiten. Datenschutz

Bitte erstellen Sie einen Usernamen, um einen Kommentar abzugeben.

- GOOGLE-ANZEIGEN

SearchSecurity.de

SearchStorage.de

SearchNetworking.de

SearchEnterpriseSoftware.de

Close