Interview mit Dr. Berhard Tritsch, Chief Technology Officer bei Immidio

Desktop- und Client-Virtualisierung: Problempunkte bei Netz und Speicherdesign

06.07.2010 | Redakteur: Ulrich Roderer

„Kritische VDI-Themen sind effiziente Erstellung und Verwaltung von virtuellen Desktops sowie die Zuordnung zu individuellen Benutzern“, Dr. Berhard Tritsch, Chief Technology Officer bei Immidio

Desktopvirtualisierung hält mit vielen Versprechungen Einzug in Unternehmen, von einfacherem Deployment und Wartung bis hin zu mehr Flexibilität und Mobilität. SearchDataCenter sprach mit dem Experten Dr. Berhard Tritsch, Chief Technology Officer bei Immidio, über Nutzen und Gefahren.

SearchDataCenter: Die Desktopvirtualisierung erreicht die Unternehmen. Welche Chancen bietet sie?

Dr. Tritsch: Desktopvirtualisierung erlaubt es stärker als je zuvor auf die individuellen Wünsche von bestimmten Benutzergruppenn und IT-Administratoren einzugehen. Dies trägt einer immer höheren IT-Kompetenz von Benutzern Rechnung – schließlich ist es inzwischen für viele Menschen eine Selbstverständlichkeit auch im privaten Umfeld Computer und soziale Netzwerkdienste zu nutzen. Die Virtualisierung von Desktops in Unternehmensumgebungen fördert die Möglichkeiten zum Arbeiten von zu Hause und erleichtert die nahtlose Einbeziehung von externen Mitarbeitern oder Zeitarbeitskräften. Somit erhöht sich die Agilität von Unternehmen auf einer breiten Basis und die Mitarbeiter fühlen sich gleichzeitig angemessen einbezogen.

Ein Seiteneffekt ist zudem, dass Firmenzusammenschlüsse oder Ausgründungen einfacher zu bewältigen sind als das mit konventionellen physikalischen Desktops möglich wäre. Nicht zuletzt lassen sich mit virtualisierten Desktops die speziellen Anforderungen an IT-Umgebungen im Unternehmensumfeld einfacher umsetzen. Als generelle Regel lässt sich feststellen, dass Desktopvirtualisierung für alle Unternehmen geeignet und empfehlenswert ist, jedoch nicht zwangsläufig für alle Benutzergruppen. Wie so oft ist die richtige Mischung ausschlaggebend für den Erfolg.

Welche Probleme werden unterschätzt, worauf sollten Unternehmen achten, die Desktopvirtualisierung einsetzen?

Noch gibt es eine Reihe von Herausforderungen. Kritische Themen sind in diesem Zusammenhang die effiziente Erstellung und Verwaltung von virtuellen Desktops sowie deren Zuordnung zu individuellen Benutzern. Weiterhin zeigt sich die Abschätzung und Bereitstellung des nötigen zentralen Speichervolumens als problematisch – schließlich wird der dezentrale Festplattenplatz der physikalischen Desktopcomputer in eine zentrale Infrastruktur abgebildet. Auch beim Management der Erwartungshaltung von Benutzern werden noch viele Fehler gemacht. Schließlich basieren virtuelle Desktops auf entfernten Zugriffen über das Netzwerk. Da muss man sich als IT-Planer schon Gedanken darüber machen wie man die Verfügbarkeit des Netzwerks garantieren kann, wie sich die Grafikleistung eines Computersystems bei der Nutzung von multimedialen Inhalten optimieren lässt oder wie die Anbindung von verschiedensten Peripheriegeräten funktionieren kann.

Speziell die Einbindung von Weitverkehrsnetzen mit Bandbreitenlimits, Latenzzeiten und Paketverlusten bereitet immer wieder Schwierigkeiten, oftmals in Kombination mit Firewall-Einstellungen, Router-Konfigurationen oder Sicherheitsvorgaben. Die Produkthersteller rund um das Thema virtuelle Desktops sprechen natürlich nicht gerne von den zugehörigen Herausforderungen, aber ein Kunde sollte sich ihrer unbedingt bewusst sein um die richtigen Kaufentscheidungen treffen zu können. Aufgrund der wenigen Erfahrungswerte mit realen Großprojekten gibt es bisher auch nur recht wenige herstellerunabhängige Spezialisten zum Thema virtuelle Desktops. Das heißt, dass man noch nicht so einfach auf vielfach bewährte Lösungskonzepte zurückgreifen kann und sich daher frühzeitig mit dem Vergleich der unterschiedlichen Produkte intensiv beschäftigen muss.

Neben Desktopvirtualisierung gibt es noch weitere Technologien wie Anwendungs- und Client-Virtualisierung. Wann sollte man Desktopvirtualisierung und wann die anderen Möglichkeiten implementieren?

Die genannten Virtualisierungstechnologien sind so unterschiedlich, dass sie nicht wirklich vergleichbar sind – sie sind eher komplementär und können sich gegenseitig ergänzen. Bei der Desktopvirtualisierung geht es primär darum bestehende dezentrale PC-Umgebungen zu zentralisieren, ähnlich wie dies auch schon in der Vergangenheit mit Terminalservern erreicht wurde. Nur kommen bei der Desktopvirtualisierung für die Bereitstellung von Benutzersitzungen ausschließlich Client-Betriebssysteme wie Windows 7 zum Einsatz und keine Server-Betriebssysteme. Bei der Anwendungsvirtualisierung steht die Frage der Kompatibilität und der effizienten Verteilung von Windows-Anwendungen im Vordergrund.

Hierbei werden die Anwendungen weitgehend vom Betriebssystem entkoppelt und in eine schützende Hülle gepackt. Anwendungsvirtualisierung lässt sich daher ganz wunderbar mit Desktopvirtualisierung koppeln. Die Client-Virtualisierung hat zum Ziel auf leistungsfähigen PCs mehrere Betriebssysteme parallel zu installieren und zu betreiben, beispielsweise um Benutzern zu erlauben gleichzeitig ein private Umgebung und eine speziell geschützte Firmenumgebung zu nutzen. Werkzeuge zur zentralen Verwaltung machen die Client-Virtualisierung unternehmenstauglich. Nimmt man noch die Servervirtualisierung zur Konsolidierung von Backend-System hinzu, so ergibt sich ein ganzes Spektrum an Virtualisierungslösungen. Alle haben ihren speziellen Einsatzzweck, lassen sich jedoch auch abhängig von der Zielsetzung fast beliebig miteinander kombinieren. Die Desktopvirtualisierung hat dabei sicherlich das größte Potenzial kurz- bis mittelfristig ein Massenphänomen zu werden, was private Heimumgebungen klar mit einbezieht.

SearchDataCenter:Was genau versteht man unter Client-Virtualisierung und welche Vorteile bietet sie?

Die Client-Virtualisierung ist im Grunde die konsequente Weiterentwicklung der Server-Virtualisierung. Anstelle Server-Betriebssysteme zu virtualisieren und sie auf weniger physikalische Server zu konsolidieren werden nun Client-Betriebssysteme auf dem physikalischen Endgerät virtualisiert. Der Vorteil ist die Bereitstellung verschiedener Benutzerumgebungen einschließlich der zugehörigen Anwendungen unter Ausnutzung der enormen Leistungsfähigkeit moderner PCs oder Laptops. Ein Benutzer hat dabei gleichzeitig Zugriff auf mehrere lokale Desktops – und das zur Not auch ohne Netzwerkanbindung. Während der eine Desktop seine privat genutzten Anwendungen enthalten kann, ist ein anderer Desktop für die Bereitstellung der Geschäftsanwendungen zuständig. Ein dritter Desktop könnte für Entwicklungswerkzeuge reserviert sein.

Regeln für die Sicherheitseinstellungen, die Desktopgestaltung, den Zugriff auf Netzwerkressourcen oder die Nutzung von Internetdiensten können dabei spezifisch für jeden Desktop vorgegeben werden – das Spektrum reicht von Privilegien als Systemadministrator bis hin zu völlig eingeschränkten Zugriffsrechten. Die Erwartung an Client-Virtualisierung besteht darin den verschiedenen lokalen Desktops mit den unterschiedlichsten Grundeinstellungen einen optimalen Zugriff auf die vorhandene physikalische Hardware zu gewähren. Als Herausforderung stellt sich die enorme Bandbreite an Hardwarekomponenten und Peripheriegeräten dar, die es für PCs und Laptops zu unterstützen gilt – schließlich sollen die Benutzer gar nicht spüren, dass sie mit einer Virtualisierungstechnologie arbeiten. Desweiteren stellt sich die Frage welche Benutzergruppen in der Lage sein werden mit einer solchen Technologie im Alltag zurecht zu kommen. Dies wird die Zukunft aber sicherlich beantworten, möglicherweise mit überraschenden Ergebnissen.

Kommentar zu diesem Artikel abgeben

Schreiben Sie uns hier Ihre Meinung ...
(nicht registrierter User)



Spamschutz 

Bitte geben Sie das Resultat dieser Rechenaufgabe (Addition) ein:
Kommentar abschicken

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 2045847)