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Wie Unternehmen die neue Norm DIN EN 50600 für Rechenzentren umsetzen können

Die neue Norm DIN EN 50600 soll mehr Klarheit in den Rechenzentrumsbetrieb bringen. Auf diesen Wegen lässt sich die neue Norm umsetzen.

Strategien für die Umsetzung von Normen bei Planung, Bau und Betrieb von Rechenzentren (RZ) müssen zunächst von einem Studium der sieben Teile der DIN EN 50600 und der Verknüpfung mit anderen Normen – besonders den weltweiten ISO-Standards – ausgehen. Hilfe gibt es bei kompetenten Beratungs- und Audit-Spezialisten, und letztendlich stellt sich auch die Frage nach einer Zertifizierung

Grundsätzlich gilt, dass nationale Normen (DIN in Deutschland) weitgehend durch europäische und internationale Empfehlungen und Standards abgelöst werden. DIN-Normen sind allerdings weiterhin gültig, wenn es für sie keinen EN- oder ISO-Ersatz gibt. Den ISO-Normen kommt dabei unter handelspolitischen Gesichtspunkten eine stärkere Bedeutung zu, wobei nationale Sonderwege möglich sind.

Man muss bei seiner Rechenzentrumsplanung also nicht nur dann die ISO-Normen berücksichtigen, wenn man zum Beispiel in die USA exportieren und dort geltende Vorschriften berücksichtigen will. Es gilt folgende Rangfolge bei der internationalen Normierung: ISO, EN (DIN EN) und DIN.

Häufig geht die Norm DIN EN 50600 nach verschiedenen Levels oder Schutzklassen vor, für die sich ein Unternehmen dann geeignete Umsetzungsmethoden suchen kann. So sind bei der Frage der Energieeffizienz und der Strommessung (DIN EN 50600-2-2) drei Niveaus möglich. Bei der Verfügbarkeit (DIN EN 50600-3-2) sind nach Thomas Grüschow vom TÜV SÜD vier Verfügbarkeitsklassen vorgesehen:

  • Die erste Klasse geht von geringen Maßnahmen aus, so dass Betriebsunterbrechungen nicht generell unterbunden werden.
  • Die zweite Verfügbarkeitsklasse sieht einige Redundanzen vor,
  • während Klasse drei eine Vielzahl von redundanten Komponenten berücksichtigt, so dass eine größere Verfügbarkeit gegeben ist.
  • Die vierte und höchste Klasse schließt auf Basis geeigneter Maßnahmen Betriebsunterbrechungen fast zu hundert Prozent aus.

Diese Spielräume, die die DIN EN 50600 in bestimmten Bereichen einräumt, sind ein gutes Beispiel dafür, dass die Normierung die inhaltliche Füllung durch den jeweiligen Anwender vorsieht. Unternehmen müssen also über die Normen und Standards hinaus eigene strategische Gesichtspunkte entwickeln – und anwenden –, um ihr Rechenzentrum optimal auszubauen und zu schützen.

Normen mit Interpretationsfreiheit

Die Offenheit vieler Detailnormen hat zum Teil einen besonderen Grund: Man muss sich klar darüber sein, dass die europäische Normungsgesellschaft CENELEC (European Committee for Electrotechnical Standardization), die die sieben Teile von DIN EN 50600 ausgearbeitet hat, aus Vertretern nationaler elektrotechnischer Verbände (zum Beispiel VDE aus Deutschland) und weiterer Verbände wie ETSI (Europäisches Institut für Telekommunikationsnormen) oder CEN (Europäisches Komitee für Normung) zusammengesetzt ist, die nicht immer die gleichen Interessen verfolgen.

Wie so oft bei Standardisierungsgremien mischen auf den verschiedenen nationalen und internationalen Ebenen ferner Vertreter verschiedener Industrien und Nationen mit, denen es auch an der Durchsetzung eigener Interessen gelegen ist. Die schließlich erreichten Kompromisse berücksichtigen deshalb manche inhaltlichen Gesichtspunkte nur in recht allgemeiner Form.

Ein Beispiel für einen Interessenkonflikt zwischen verschiedenen nationalen Standpunkten findet man in der DIN EN 50600-2-1 zur Gebäudekonstruktion und Standortwahl. Dort wird an vorderer Stelle folgende Anforderung ausgesprochen: „Die Errichtung des Rechenzentrums über dem Meeresspiegel kann einen direkten Einfluss auf die Leistungsfähigkeit der technischen Ausrüstung haben und sollte deshalb berücksichtigt werden.“ Dieser Passus soll, wie inoffiziell zu vernehmen ist, unter deutschem Druck zustande gekommen sein.

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Hintergrund ist, dass es in den letzten Jahren zu einer starken Abwanderung von deutschen Kunden zu Colocation-Rechenzentren in den Niederlanden und in Frankreich gekommen war – zum Teil wegen günstigeren Preisen. Die Problematik, dass ein Rechenzentrum nicht unter dem Meeresspiegel liegen soll, betrifft denn auch nur die Niederlande, in denen große Landesteile unter diesem Niveau liegen.

Beratung, Audits, Zertifizierung

Bei der Deutschen Akkreditierungsstelle (DAkkS) sind die wesentlichen Zertifizierungsstellen für Rechenzentren registriert, darunter TÜV (Nord, Rheinland, Süd), Dekra und KÜS. Neben diesen staatlich anerkannten Instanzen der Zertifizierung tummeln sich weitere Beratungsunternehmen auf dem zunehmend lukrativen Markt, die allerdings nur für einzelne Gutachten oder Audits in Betracht gezogen werden können.

Für Unternehmen, die den Normendschungel unter Anleitung durchforsten wollen, ergeben sich einige Vorteile: Dies betrifft neben der fachlichen Beratung die mögliche definitive Kennzeichnung als „zertifizierter“ (= anerkannter und beglaubigter) Rechenzentrumsbetreiber, die die eigene Position am Markt auf einem höheren Marketing-Level hervorhebt. Für Kunden eines Rechenzentrumsanbieters bedeutet es neben den Service Level Agreements (SLAs) einen gewissen Schutz in Sachen Verfügbarkeit, Security oder Datenredundanz. Während man bisher viele verschiedene Zertifizierungen anstreben musste, reduziert sich dies mit der DIN EN 50600.

DIN EN 50600 Zertifizierung
Ablauf einer Zertifizierung nach DIN EN 50600 laut TÜV Süd.

Wie Elke Steinegger, Presales-Leiterin bei EMC, betont, fragen ihre Kunden und Interessenten vermehrt nach Hilfen bei Planung und Bau von Rechenzentren. Dies gehöre zwar nicht zu den Prioritäten von EMC, man sei sich aber dennoch der Bedeutung dieser Aspekte bewusst und berücksichtige sie in der EMC-eigenen MAT-Strategie (Modernize, Automate, Transform von Rechenzentren). Steinegger empfiehlt zusätzlich zu dem RZ-Leitfaden des Bitkom ein Vorgehen nach ITIL (Information Technology Infrastructure Library), weil die Kunden zusammen mit der DIN EN 50600 so auf der sicheren Seite seien. Sie fügt hinzu: „Geht es um internationale Verflechtungen, spielen die ISO-Normen eine besondere Rolle. Unternehmen, die weltweit aufgestellt sind, müssen solche Normen genau beachten.“

Steinegger ist der Ansicht, aufgrund der Alternative „Make or Buy“ hätten die Unternehmen heute eine große Auswahl an strategischen Entscheidungen: Es müsse nicht mehr nur das eigene Rechenzentrum sein, sondern es gebe zahlreiche Angebote von Outsourcing über Colocation bis hin zu einer Public Cloud oder Infrastructure as a Service: „Man muss nicht mehr alles selbst machen, sondern kann diverse Managed Services bei externen Anbietern einkaufen. Ich glaube, es gibt heute so viele qualitativ gute Angebote, dass ein mittelständisches Unternehmen nicht mehr unbedingt ein eigenes Rechenzentrum mit aller nötigen technischen Ausstattung und dem erforderlichen Know-how besitzen muss.“

Thomas Grüschow, Senior Expert Data Centre beim TÜV SÜD, verweist darauf, dass die Normen der DIN EN 50600 Verfügbarkeitsanforderungen an ein Rechenzentrum „gewerke-übergreifend“ regeln. In diesem Kontext werden übergeordnete Forderungen an Infrastrukturkomponenten und den Betrieb aufgestellt. Angaben zur technischen Ausführung innerhalb der einzelnen „Gewerke“ sind dann weiterführend in den jeweiligen Fachnormen oder Herstellerangaben zu finden.

Zum Beispiel verlangt die Norm, dass ein Rechenzentrum mit einer bestimmten Temperatur geplant werden muss, sie regelt aber nicht, welche exakte Temperatur das sein soll. Planer und Betreiber eines Rechenzentrums können hier in Übereinstimmung mit den Herstellervorgaben der IT-Einrichtungen und aufgrund ihrer Expertise individuelle Temperaturwerte festlegen. Grüschow ergänzt: „Nachzuweisen im Rahmen der DIN EN 50600 ist jedoch sehr wohl, dass die festgelegten Temperaturwerte je nach Verfügbarkeitsklasse auch bei Wartung im Betrieb und bei Fehlern im Kühlsystem erbracht werden müssen.“

Grüschow fügt hinzu: „Die Normen selbst haben nur insofern einen verpflichtenden Charakter, soweit sie direkt in Gesetzen benannt sind. So verweisen manche Gesetze in ihren Ausführungsverordnungen auf konkrete Normen. Allerdings können bei Auseinandersetzungen vor Gericht und in Gerichtsentscheidungen Normen einen Verbindlichkeitscharakter bekommen, da sie einen so genannten Anscheinsbeweis für Sorgfalt und Mängelfreiheit darstellen. Somit können sie zum Beispiel bei Fragen der Haftung oder Gewährleistung hinzugezogen werden. Auch wenn Normen in Verträgen eingefügt werden, zum Beispiel zwischen Mieter und Colocation-Anbieter, werden sie für die Partner rechtlich verbindlich.“

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Artikel wurde zuletzt im August 2016 aktualisiert

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