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Die Multi-Cloud und ihre Vorteile durch App-Placement und Workload-Portabilität

Multi-Cloud und App-Portabilität locken mit Kostenvorteilen. Derzeit ist das richtige App-Placement aber noch wichtiger als Workload-Portabilität.

Das Thema Multi-Cloud gilt als einer der großen IT-Trends der nächsten Monate, gemeint ist damit die parallele Nutzung mehrerer Cloud-Anbieter. So gesehen wäre schon die Hybrid Cloud als Verbindung zwischen Private Cloud und Public Cloud eine Multi-Cloud-Umgebung, in einer strengeren Lesart wird allerdings erst die Kombination aus Private Cloud und mindestens zwei Public Clouds zu einer Multi-Cloud.

Abseits dieser Marketingbegrifflichkeiten ist mittlerweile klar, dass Cloud Computing inzwischen zum ganz normalen Werkzeugkasten der Unternehmens-IT gehört, egal ob man den globalen Cloud-Markt oder den begrenzten deutschen Markt betrachtet. Die Nutzung mehrerer Public Clouds als Multi-Cloud verspricht dabei den Vorteil, Workloads je nach Preisstruktur bedarfsgerecht auf die jeweils günstigste Cloud-Plattform verschieben zu können.

Ist beispielsweise Cloud-Anbieter A tagsüber günstiger als Cloud-Anbieter B, jener aber wiederum nachts günstiger als Anbieter A, so könnte man mit derartigen Multi-Cloud-Setups seine rechenintensiven Workloads je nach Tageszeit zwischen den beiden Cloud-Anbietern verschieben. Wirklich machbar ist diese Art der Multi-Cloud-Nutzung nach dem aktuellen technischen Stand aber nur in sehr begrenztem Umfang.

Momentan stehen die meisten Unternehmen beim Thema Multi-Cloud noch ganz am Anfang, Fragen der Workload-Portabilität genießen entsprechend keine hohe Priorität. Viel wichtiger sind dagegen Möglichkeiten und Tools, unterschiedliche Cloud-Ressourcen einheitlich verwalten zu können.

Workload-Portabilität mit Docker

Für Jörn Steege, Executive Cloud Architect bei Axians, steht und fällt die App-Portabilität über verschiedene Cloud-Plattformen hinweg mit den unterschiedlichen Hardwareabhängigkeiten einer Anwendung und den individuellen Programmierschnittstellen der Cloud. Je mehr Abhängigkeiten es zwischen Infrastruktur und Applikationen gibt, umso schwerer wird es, ein und denselben Workload ohne manuelle Anpassungen zwischen unterschiedlichen Clouds zu verschieben.

Kein Wunder also, dass für ihn derzeit vor allem die Container-Technologie als Möglichkeit in Frage kommt, um Workloads zwischen verschiedenen Infrastrukturplattformen verschieben zu können. Die Container-Runtime von Docker bildet dabei eine zusätzliche Abstraktionsschicht zwischen Container und Infrastruktur, auf der Container, so Jörn Steege weiter, per Definition in sich abgekapselte und von der zugrundeliegenden Infrastruktur unabhängige Ressourcen darstellen und so das Problem der Abhängigkeiten lösen.

Die gleichen Möglichkeiten bieten zwar auch andere Container-Formate wie CoreOS rkt oder LXC, für Docker spricht aber, so Alex Fürst, Vice President DACH bei Rackspace, die große Popularität und die damit einhergehende Unterstützung durch alle gängigen Public- und Private-Cloud-Plattformen. So ist zumindest theoretisch die Migration eines Docker-Containers zum Beispiel zwischen AWS, Azure, Google Cloud Platform, vSphere oder sogar Hyper-V möglich. Projekte wie containerd oder die Open Container Initiative arbeiten zudem weiter an einer stärkeren Standardisierung der Container-Technologie, was auch der Workload-Portabilität zugutekommen würde.

Der Einstieg in die Public Cloud wird Unternehmen immer sehr leicht gemacht, der Weg zurück aber äußerst schwer.
Mark LineschHPE

Aber auch Docker stößt bei der Workload-Migration noch auf Grenzen, beispielsweise wenn es um persistenten Storage für containerisierte Legacy-Anwendungen geht oder bei der Container-Orchestrierung über verschiedene Cloud-Plattformen hinweg. Zwar hat sich Kubernetes mittlerweile zum De-facto-Standard bei der Orchestrierung abertausender Container etabliert, AWS beispielsweise unterstützt Kubernetes derzeit aber gar nicht. Erschwerend kommt hinzu, dass Kubernetes zwar im Vergleich mit Mesos oder Docker Swarm am ausgereiftesten ist, aber bei Weitem noch nicht alle Funktionen bietet, die in großen Unternehmensumgebung nötig wären.

Interop Challenge: App-Portabilität mit OpenStack

Wie Docker bietet auch OpenStack einen vergleichsweise offenen Zugang zu dieser Art der Multi-Cloud-Nutzung – wenn auch natürlich begrenzt auf OpenStack-Plattformen. Auf dem OpenStack Summit 2016 in Barcelona zeigten mehr als 20 Unternehmen der OpenStack Community im Rahmen der Interop Challenge, dass das Versprechen einheitlicher Programmierschnittstellen über unterschiedliche OpenStack-Anbieter hinweg durchaus ernst genommen wird.

Mit Blick auf eine Multi-Tier-Applikation mit Webserver und Datenbank wurde dabei öffentlichkeitswirksam während der Keynote demonstriert, wie sich Workloads an sich schon heute zwischen verschiedenen OpenStack-Umgebungen verschieben lassen, egal ob OpenStack-Private-Cloud, gehostete OpenStack-Private-Cloud oder OpenStack-basierte Public Cloud. Allerdings klammert dieser Ansatz neben vSphere und Hyper-V auch alle bekannten Public-Cloud-Plattformen aus. Gerade deren Einfachheit und Funktionsreichtum machen aber ja erst die Anziehungskraft von Multi-Cloud-Szenarien aus.

Anders als im Fall von Docker entfällt hier die Abstraktionsschicht, weil es sich bei den unterschiedlichen Cloud-Plattformen immer um OpenStack handelt und somit zumindest theoretisch bereits auf Infrastrukturebene eine hohe Homogenität herrscht. In der Praxis dürfte mit dieser Homogenität spätestens bei Storage und Netzwerk Schluss sein, was dann eben doch zu Infrastrukturabhängigkeiten führt. In die gleiche Kerbe schlägt die hohe Update-Frequenz von OpenStack, die zur Workload-Portabilität versionsübergreifende App-Migrationen voraussetzt.

vSphere in der Cross-Cloud-Architektur

Ähnlich wie OpenStack verzichtet auch VMware auf eine zusätzliche Abstraktionsschicht und versucht sich mit seinem vCloud Air Network (vCAN) sowie den neuen Partnerschaften mit IBM SoftLayer und AWS an einer eigenen Interpretation der Workload-Portabilität. VMware nennt seinen Ansatz Cross-Cloud-Architektur und verlängert hierfür einfach seine Virtualisierungsplattform vSphere in die Cloud. Vor allem VMware Cloud on AWS verspricht hierbei die einfachste Multi-Cloud-Nutzung, bei der vSphere-Workloads einheitlich über vCenter Server zwischen dem lokalen Rechenzentrum und AWS-Rechenzentren verschoben werden können – wie bei VM-Migrationen innerhalb des eigenen Rechenzentrums ganz einfach mit wenigen Klicks.

Die Industrie ist schlicht noch nicht so weit für die Workload-Portabilität.
Alex FürstRackspace

So attraktiv dieser Ansatz auch ist, so begrenzt ist gleichzeitig aber auch die Reichweite: Immerhin hat man es hier mit einem reinen vSphere-Angebot zu tun, das mit AWS zudem auf nur eine Public Cloud beschränkt ist. Ursprünglich hatte VMware die einfache Funktionsweise von VMware Cloud on AWS auch für die vielen kleinen und großen vCAN-Partner versprochen, AWS sollte lediglich ein erstes Leuchtturm-Projekt werden. Seit dem angekündigten Verkauf von VMwares Public-Cloud-Platform vCloud Air an den VMware-Partner OVH darf man den weiteren Ausbau des vCAN in Richtung Cross-Cloud-Architektur aber durchaus bezweifeln.

Sowohl bei VMware als auch bei OpenStack handelt es sich streng genommen nicht um Multi-Cloud-Konzepte, weil sowohl bei Interop Challenge als auch bei VMwares Cross-Cloud-Architektur keine unterschiedlichen Cloud-Plattformen verbunden werden, sondern überall die gleiche Infrastrukturschicht vorhanden sein muss. Damit ist einzig Docker auf einem guten Weg, in Multi-Cloud-Umgebungen zukünftig tatsächlich eine Art Workload-Portabilität realisieren zu können, auch wenn freilich auch hier durchaus noch offene Fragen im Raum stehen.

App-Placement wichtiger als Workload-Portabilität

Alex Fürst, Vice President DACH bei Rackspace, sieht mit Blick auf seine Kundenbasis derzeit allerdings sowieso noch gar keine Nachfrage nach einer derartigen Workload-Portabilität: „Die Industrie ist hier schlicht noch nicht so weit.” Viel größer sei der Bedarf an Management-Lösungen zur Verwaltung unterschiedlichster Cloud-Anwendungen und -Infrastrukturen.

Die Multi-Cloud ist für ihn vor allem interessant, um für jede Anwendung die jeweils beste Cloud-Plattform zu nutzen, aber nicht um Applikationen über verschiedene Clouds hinweg zu verschieben: „Die App entscheidet über die Cloud-Plattform. AWS ist innovativ, aber beileibe nicht überall führend. Gerade für Legacy-Anwendungen ist beispielsweise Microsoft Azure ideal. Je nach Use Case gilt es also, die jeweils richtige Cloud-Plattform zu wählen.“ Damit sind das richtige App-Placement sowie die Verwaltung unterschiedlichster Cloud-Plattformen mitsamt der so verteilten Applikationen derzeit in Multi-Cloud-Umgebungen noch viel wichtiger, als die Workload-Portabilität.

Gegen die App-Portabilität sprechen vor allem auch operative Gründe, erklärt auch Mark Linesch, Vice President Strategy and Operations Infrastructure CTO Office bei HPE. So wüssten viele Unternehmen heutzutage noch nicht einmal, welche Kosten ihnen durch Cloud-Anbieter A oder B entstehen. In dieser frühen Phase der Multi-Cloud-Nutzung geht es dementsprechend auch für ihn vor allem um Transparenz und Sichtbarkeit, um beispielsweise Kostenstrukturen aufzudecken und Workload-Abhängigkeiten abzubilden. Erst mit diesem Wissen, so Mark Linesch weiter, seien die Vorteile der App-Portabilität in Multi-Cloud-Umgebungen überhaupt realisierbar.

Weitere Hindernisse sieht er in der oft großen Latenz sowie in der langen Dauer, um Applikationen über Clouds hinweg zu migrieren: „Der Einstieg in die Public Cloud wird Unternehmen immer sehr leicht gemacht, der Weg zurück aber äußerst schwer, man betrachte nur die Probleme der Datenmigration oder API-Abhängigkeiten!“

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Artikel wurde zuletzt im April 2017 aktualisiert

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